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Nachdem bemängelt wurde, dass es “bloggen” heißt, habe ich nach reiflicher Überlegung beschlossen (ich fand “lama bloggt” irgendwie doof), dass ein längerer Titel wohl doch unumgänglich ist. Das Ganze hat mich die letzten Wochen immer so leicht im Hinterkopf beschäftigt und davon abgehalten neue Artikel einzustellen.

Deshalb gibt es ab jetzt alle weiteren Artikel unter http://blogvonundzulama.wordpress.com/

In meinem Europa-Beitrag habe ich eingangs “die Alten” erwähnt. Auch sonst schrecke ich nicht davor Gruppen mit Labels zu versehen. Und dabei ist es absolut nicht in Ordnung Menschen in Schubladen zu stecken.
Wieso mach ich das dann?
Ich verstehe solche Bezeichnungen eben als “Tags”. So wie ich auch die Artikel hier mit Tags versehe (wenn auch meist eher ungenügend), handhabe ich es eben auch mit Menschen. Anders als eine Schublade, die in alle Richtungen abgeschlossen ist und daher eine ganzheitliche Beschreibung suggeriert, weisen Tags aber nur auf eine (wichtige) Eigenschaft eines Objekts oder einer Person hin. Tags helfen beim Strukturieren und Wiederfinden, können aber auch widersprüchlich sein. Mich könnte man mit den Tags “Stuttgarter” und “Freiburger” versehen, da ich in beiden Städten lang genug gelebt habe und mich zuhause fühle. Wenn es aber um Schubladen ginge, könnte man mich schlecht in mehrere zugleich packen. Und beschrieben werde ich von den beiden Tags auch alles andere als zureichend. Aber je nach Kontext helfen die Tags bei der Einordnung. Wenn es um Politik geht beschreibt der Tag “Pirat” schon halbwegs meine Einstellung, auch wenn er über den Rest meiner Persönlichkeit nichts aussagt.
Und genau das müssen wir uns immer wieder bewusst machen. Tags zu verwenden ist naheliegend und hilfreich. Man darf nur nie den Fehler machen, sie zu sehr zu strapazieren und in sie Sachen hineinzuinterpretieren, die in ihnen eben nicht enthalten sind. Sonst werden aus Tags nämlich Schubladen.
Als Naturwissenschaftler habe ich viel mit Statistiken zu tun gehabt und benutze auch gerne statistische Aussagen. Auch hier muss man sich immer wieder bewusst machen, dass es sich um Tags handelt. Wenn man sagt, dass “alte Menschen mehr Angst haben als junge und daher mehr Überwachung wollen” oder “Piraten ITler sind” dann sind das statistische Korrelationen. Weil eben die Gruppe der mit “Piraten” getaggten und die der mit “ITler” Versehenen sich stärker überlappen als viele andere. Das heißt aber nicht, dass das für alle gilt oder die eine Gruppe hinreichend beschreibt. Nicht alle Piraten sind ITler und nicht alle ITler sind Piraten. Nicht alle alten Menschen wollen mehr Überwachung. Trotzdem helfen solche statistischen Beobachtungen immer wieder um Trends oder Kausalitäten auszumachen.
Wir müssen nur immer dabei aufpassen, dass wir uns nie verleiden lassen aus Tags Schubladen zu machen. Schubladen sind geistige Faulheit. Man will der Person keine weiteren Eigenschaften zugestehen und will alle Handlungen der aktuellen Bezeichnung unterordnen. Es ist verlockend. Und es ist falsch. Wir sollten anderen immer zugestehen, dass sie mehr sind als das kontextbezogene Label mit dem wir sie für unsere Orientierung versehen. Ich hoffe, dass das die meisten von Euch bereits tun.
Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt: Wir müssen auch darauf achten, dass die von uns verwendeten Labels/Tags in Texten und Unterhaltungen nicht als Schubladen rüberkommen. Und das ist der schwierigere Teil. Deshalb sollte man auch beim taggen vorsichtig sein.

 

Während derzeit viele über die die Macht der Alten (z.B. hier und hieroder die rechte Ausrichtung der “Rentnerprotestpartei” AfD (siehe hier und dort) diskutieren, möchte ich den Anlass nutzen über Europa zu reden.
Die Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) haben diese Woche ein Magazin herausgebracht, in dem sie sich wünschen, dass wir mittelfristig zu einer Art “Vereinigte Staaten von Europa” werden und haben dafür Kommentare von Westerwelle bis @branleb gesammelt.
Dieser Kontrast zwischen jung und alt ist genauso überspitzt wie bezeichnend, wie ich finde. Allerdings werde ich mich dem in einem späteren Artikel noch ausführlich widmen.

Europa.

Unser Kontinent hat sowohl mit friedlichen Mitteln wie mit Gewalt die Welt geprägt, wie kein anderer. Nachdem die Römer erstmalig eine Art europäisches Imperium geschaffen hatten, in dessen Grenzen mit dem Pax Romanum erstmalig lange Perioden des Friedens herrschten, schlugen wir uns jahrhundertelang gegenseitig die Köpfe ein. Irgendwann waren wir darin so gut, dass wir ausgezogen sind, dem Rest der Welt erfolgreich die Rübe blutig zu hauen. Und jetzt? Ich benutzte hier bewusst das “wir”. Denn dieses gibt es heute. Wir haben hier aktuell die längste Friedensperiode seit Ewigkeiten (auch wenn wir außerhalb von Europa natürlich immer wieder mal gewaltätig sind…tja und auf dem Balkan, leider ).
Wir arbeiten zusammen. Wir sind Nachbarn, Freunde, Partner. Selbst die Nazis und andere verblendete Ewiggestrige versuchen das nicht offensichtlich zu leugnen und suchen sich neue Feindbilder in weiter entfernten Ländern und projizieren ihren Hass hauptsächlich auf Muslime und “nicht europäisch Aussehende” um noch ein paar Anhänger für ihre dummen Ideen zu finden.
Die größten Feindseligkeiten gibt es eventuell noch zu Europameisterschaften und dergleichen. Aber auch die übertreffen nicht das, was wir auch innerhalb der deutschen Fußballligen erleben.
Wir, das ist die unbestimmte Gruppe der “Europäer”, mal wollen die Briten nicht dazugehören, mal will jemand die Rumänen nicht dabei haben, aber ich denke der Begriff lässt sich trotzdem verwenden.

 

Mein Europa.

Europa heißt für mich Vielfalt, Abwechslung, Offenheit und Gemeinsamkeit. Ich wurde 1984 in Dresden geboren. Das war damals noch die DDR. Und irgendwie scheine ich die Abneigung gegen geschlossene Grenzen von meinen Eltern geerbt zu haben. Seit wir im Sommer ’89 endlich ausreisen durften, hat meine Familie das wörtlich genommen. Ich habe in Italien und Frankreich durch Familienurlaube mehr Gegenden gesehen als die meisten Einwohner des jeweiligen Landes. Ich war nach dem Abitur ein Jahr in Paris. Während des Studiums (leider nur) ein halbes Jahr in Sevilla. Mein Vater lebt in der Schweiz, seine Freundin in Italien. Mein Cousin zwischenzeitlich in Schottland. Mein bester Freund zieht gerade nach Ungarn. Ich fühle mich in vielen Gegenden “daheim”. Und dass man in verschiedenen Gegenden verschiedene Sprachen spricht, das habe ich als Fünfjähriger bereits gelernt, als ich von Sachsen nach Baden-Württemberg zog. So what? C’est la vie. Und: s Läbe isch koin Schlotzer.
Klar geht das nicht jedem so. Klar hat nicht jeder überhaupt die Chance Europa so kennen zu lernen und zu genießen wie ich. Aber das ist nunmal mein Europa, das Europa das ich kennen und lieben gelernt habe.

 

Grenzen in Europa.

Ich will wie gesagt keine geschlossenen Grenzen. Ich erlebe schon regelmäßig eine Schrecksekunde, wenn ich meinen Vater besuchen fahre und hinter Basel irgendwann merke, dass ich ja gar keinen Perso dabei habe. Dass es eine echte Grenze mit Passkontrollen in meinem unmittelbaren Umfeld gibt, muss ich mir immer wieder erst bewusst machen. Dazu kommt, dass auch hier die Kontrollen auch eher wie Tropfen im Bodensee sind. Das europäische Ausland (der Begriff fühlt sich irgendwie komisch an) ist für die deutsche Wirtschaft der Haupthandelspartner und dessen Bedeutung steigt weiterhin. Es gibt vielfältige Gründe nicht in einen nationalen Protektionismus zu verfallen und ich hoffe es ist kein Irrtum, wenn ich behaupte, dass das auch die meisten von uns (da ist das wir wieder) es nicht wollen. Wir haben die Grenzkontrollen weitestgehend abgeschafft und außer dem ein oder andren Innenminister will sie auch niemand wieder einführen. Hier stellt sich jetzt für mich die Frage ob das schon das Ende der Entwicklung sein soll. Oder werden die Staatsgrenzen bald genauso “wichtig” wie die Grenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg?

 

Geld in Europa.

Zur Zeit wird viel über den Euro spekuliert. Häufig wird er als Projektionsfläche für national(istisch)es Gedankengut oder Frust über allgemeine negative wirtschaftliche Entwicklungen missbraucht. Dies einmal ignorierend hat der Euro immer noch einige konstruktionsbedingte Probleme. Unterschiedliche Wirtschaftsräume entwickeln sich unterschiedlich schnell; Währungsaufwertungen und -abwertungen sind seit jeher ein wichtiger Faktor in der Wirtschaftspolitik der jetzt fehlt und die Stabilitätspolitik der EZB ist vielleicht auch nicht gerade perfekt.
Für mich drängt sich hier der Blick zur anderen Einheitswährung in meinem Leben auf. Der D-Mark. Auch bei ihrer Einführung wurden viele Fehler gemacht und für die wirtschaftliche Entwicklung in Ostdeutschland hätte es bessere Wege gegeben. Trotzdem wünscht sich hier keiner zwei getrennte Währungen zurück. Nunja, keiner ist übertrieben, ein paar Leute im Osten, die auf ihre eigene Nostalgie reingefallen sind und ein paar Wirtschaftswissenschaftler mit wenig sozialem Gespür tun es sogar. Aber im Wesentlichen herrscht hier der Konsens, dass es gut ist in ganz Deutschland die gleiche Währung zu haben und so auch beim Geld zu sehen dass man zusammengehört. Den Preis dafür haben wir auch bereitwillig bezahlt. Und auch wenn der Länderfinanzausgleich ähnliche Probleme hat wie die Entwicklungshilfe in Afrika, so ist dennoch klar: Wir stehen füreinander ein, wir helfen uns. Denn wir gehören zusammen. Wir. Dieses Gefühl ist auf europäischer Ebene bei weitem nicht in diesem Umfang vorhanden.
Das ist auch vollkommen in Ordnung. Denn dass Deutschland aus einer Vielzahl separater Staaten zusammengeschmiedet wurde ist da schon deutlich länger her. Und durch die Sprache sind wir etwa seit der Reformation verbunden. Dagegen sind knapp 70 Jahre Frieden und nichtmal 25 Jahre offene Grenzen bei einer Vielzahl von Sprachen ein Witz. Aber ohne gegenseitige Hilfen und Ausgleiche kommt es bei einer Einheitswährung schnell zu Problemen. In meinen Augen gibt es da nun zwei Lösungen, entweder man sagt “ne, das will ich nicht, jeder für sich selbst” oder man sagt “wir”. Auch wenn meine Antwort klar ist, kann ich auch akzeptieren, dass jemand die andere Option bevorzugt. Aber die Frage müssen wir uns ehrlich stellen. Denn sonst geht es weiter, dass die europäischen Regierungschefs weiter am Status Quo herumdoktern ohne dessen Ursachen anzugehen und die beiden Lösungsansätze weiter in die Zukunft vertagt und dabei deren Kosten immens steigert. Für die fast 60-jährige Angela Merkel in Deutschland und den bald 90-jährigen Napolitano in Italien ist das irgendwann weit nach ihrer Amtszeit. Und damit unerheblich. Für diejenigen unter uns, die noch ein paar Jahrzehnte in Europa leben und vor allem arbeiten wollen ist es jedoch sehr wichtig.
Deshalb lasst uns einander die Frage stellen, ob wir füreinander einstehen wollen. Wenn wir dies bejahen, wird das Wie uns noch einige Jahre beschäftigen und mit Sicherheit entzweien. Deshalb muss zuerst das Ob geklärt werden.

 

Grenzen Europas.

Anfangs sprach ich von geschlossenen Grenzen, habe aber damit stets die Innengrenzen gemeint. Was ist mit den Außengrenzen? Da verhält sich Europa mitunter ziemlich protektionistisch, wenn man sich beispielsweise einmal Agrarsubventionen und Importzölle auf Nahrungsmittel ansieht. Am krassesten wird es im Asylrecht. Regelmäßig sterben Menschen, die versuchen per Boot nach Italien oder Spanien zu kommen. Da diese Länder meist auf den Flüchtlingen “sitzen bleiben” und die dadurch entstehenden Kosten alleine tragen müssen, wird im Rahmen der EU-Agentur “Frontex” immer wieder über Maßnahmen diskutiert Europa vor Einwanderung abzuschotten, die sich hart an der Grenze zu Menschenrechtsverletzungen bewegen und mir die Schamesröte ins Gesicht treiben. Aber ich bin keiner der extremen “No Borders, No Nations”-Vertreter. Staaten sind meiner Meinung nach für die Wirtschaft und die Verwaltung des Zusammenlebens notwendig. Und einen Weltstaat kann ich noch nichtmal am Horizont sehen. (Höhstens wenn Außerirdische landen würden). Ich kann auch akzeptieren, dass einige sich über die Abgrenzung zu anderen (mit)definieren. Aber ich möchte, dass wir uns auch hier gemeinsam die Frage stellen welche Maßnahmen wir zur Durchsetzung dieser Grenzen für angemessen halten und welche nicht.
 
Auch die Frage, wo wir die Grenzen ziehen erhitzt regelmäßig die Gemüter. Meist verbunden mit dem Aufflackern schlummernder fremdenfeindlicher Tendenzen. Als Europas Wiege wird häufig das griechisch-römische “Abendland” bezeichnet. Von CDU und Islamgegnern häufig als “christliches Abendland” bezeichnet. Tatsächlich hat das orthodoxe, katholische und protestantische Christentum Europas Geschichte und Entwicklung stark beeinflusst. Aber ein Beschränken darauf raubt uns den wesentlichsten Beitrag Griechenlands und große Teile der römischen Errungenschaften die auch für sie stets zu Europa gehören. Selbst der Name Europa stammt nicht umsonst aus der griechischen Mythologie. Und angesichts der großen und steigenden Anzahl Nichtchristen in weiten Teilen Europas, wäre eine solche Beschränkung in meinen Augen wenig sinnvoll. Das Oströmische Reich und der Siegeszug der Osmanen sind auch untrennbar mit der Entwicklung Europas verbunden, hätte es sonst doch vermutlich keine Renaissance gegeben, die ein Hinterfragen und Abstandgewinnen zur damaligen christlichen Lehre darstellte. Der wirtschaftliche und technologische Aufschwung Europas wäre vermutlich deutlich schwächer gewesen. Insofern habe ich kein Problem damit, wenn die Grenzen des Staatenbundes Europa die Länder auf dem Kontinent Europa umfasst. Auch mit die Aufnahme von weiteren Ländern des Mittelmeerraums, die seit jeher engstens mit Europa verwoben sind (wie etwa Algerien oder Marokko), könnte ich langfristig betrachtet leben. (Und auch wenn die Skandinavier mit den Römern und den Griechen erstmal weniger zu tun hatten, hab ich noch nie gehört, dass irgendwer sie ausschliessen will.)

 

Probleme Europas.

Alles hat seine Schattenseiten. Es gibt immer Probleme. Neben den Problemen im Bereich der Währung und der Grenzen gibt es noch einige weitere, die teilweise damit eng verwoben sind. Das größte Problem (was aber auch gleichzeitig ein Punkt ist für den ich Europa sehr liebe) ist die Sprachvielfalt. Während Russland, China, die USA und Kanada hauptsächlich ein bis zwei “Hauptsprachen” haben, gibt es in Europa eine Vielzahl von manchmal verwandten und meist sehr unterschiedlichen Sprachen. Dadurch ist es uns auch trotz fast einem Vierteljahrhundert offener Grenzen (immerhin zwischen einigen europäischen Staaten, ich will hier mal nicht kleinlich sein) nicht gelungen eine gemeinsame europäische Öffentlichkeit zu schaffen. Es gelingt uns kaum, dass wir den Diskussionsverlauf von Themen mit europaweiter Tragweite im Nachbarland mitbekommen. Geschweige denn in Ländern, die noch weiter weg sind. Häufig sind wir über Vorgänge in den USA besser informiert als über welche in einem anderen Teil Europas. Hier wird sich zeigen, ob sich im Zuge der Medienkonsolidierung durch das Internetzeitalter verstärkt europäische Medienhäuser herausbilden, die dann auch über Landesgrenzen hinweg arbeiten und so einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit den Weg bereiten. Oder ob durch die Dominanz von US-Medien sich eine eher Amerika-dominierte “westliche Öffentlichkeit” herausbildet. Der Blick auf die Jugend Europas lässt beides möglich erscheinen. Natürlich kann es auch ganz anders kommen und der Fokus dessen, was die Menschen interessiert wieder stärker auf ihr direktes Umfeld verengt wird. Fakt ist: Im Moment haben wir auf jeden Fall noch im Wesentlichen national agierende und denkende Berichterstattung in Europa. Das zeigt, dass wir (noch) nicht dieses Gefühl einer Gemeinschaft mit gemeinsamen Interessen und Sorgen erreicht haben. Was hiervon Ursache und was Auswirkung ist, überlasse ich gerne den Henne-Ei-Forschern. Projekte wie etwa die PPI/PPEU, der internationale bzw. europäische
Zusammenschluss von Piratenparteien unterschiedlicher Länder, zeigen mir dass es irgendwann möglich sein kann (und gleichzeitig wie unglaublich weit wir noch davon entfernt sind).
Dieses Problem der fehlenden gemeinsamen Öffentlichkeit ist es, was eine (schnellere) Lösung der Euro-Problematik verhindert und es nationalen Stimmungsmachern leicht macht zusätzliche Distanz zwischen Bürgern und “Europa” aufzubauen. In der EU haben deshalb die Regierungen der einzelnen Länder das größte Sagen, während das europäische Parlament, obwohl direkt vom Volk gewählt, eher marginalisiert wird. Der Gedanke hierbei ist vermutlich, dass die Regierungen in ihren jeweiligen Ländern durch Medien und Nationalparlament stärker kontrolliert werden, als dies durch das Europaparlament möglich wäre. In der Praxis führt es jedoch meist dazu, dass Regierungen, die “daheim” mit ihrem Vorschlag gescheitert sind (oder vermutlich scheitern würden) den Umweg über die EU nehmen und dort nach Rücksprache mit den anderen Regierungschefs Vorschriften erlassen, die sie dann “leider gezwungen sind” in ihrem Land umzusetzen. Intransparente Strukturen und geringes öffentliches Interesse verstärken sich hier gegenseitig und stärken paradoxerweise meist die nationalen Regierungen, denen die jeweiligen Bürger dann eher Entscheidungen überlassen wollen als dem europäischen Parlament.

 

Weitere Entwicklung Europas.

Ich glaube, dass wir ohne eine um ein Vielfaches stärkere gegenseitige Anteilnahme und überhaupt ein deutlich gesteigertes Interesse an Vorgängen im Rest Europas, eine Umsetzung der Idee der “Vereinigten Staaten von Europa”, wie sie etwa die JEF propagiert, nicht schaffen. Ich fürchte es verstärkt vor allem eine solche Intransparenz und damit indirekt fremdenfeindliche Tendenzen in den einzelnen Ländern. So sehr ich auch die Idee und ihre Ziele gutheiße. Aber ich bin ja auch als eher zögerlich und konservativ verschrien. Vielleicht könnte ein schnellerer Weg auch ein zügigeres Angehen der Probleme bewirken. Ich würde es mir wünschen.
Für mich. Für Europa. Für uns.
 
 
 
 
 
 
 

Am vergangenen Sonntag (!) waren bundesweite Demos gegen die so genannte Bestandsdatenauskunft kurz BDA. Das Ziel einiger Aktiven und Veranstalter war es den Erfolg der ACTA-Demos zu wiederholen, wo für ein “Internetthema” ungewöhnlich viele Menschen auf die Straße gegangen sind und die auch mit dazu beigetragen haben, dieses Konstrukt in seiner damaligen Inkarnation zu stoppen. (Keine Sorge, es wird längst an Nachfolgern gearbeitet)

Auch wenn einige Leute diesen Erfolg eher einer Gruppe Parlamentariern, die sich Anonymous-Masken* aufgesetzt haben zuschreiben, halte ich die Demonstrationen für erfolgreich und erforderlich für das Ende von ACTA.

Auch bei den Internetsperren im Rahmen des Zugangserschwerungsgesetzes ist es schliesslich gelungen eine große Menge Menschen zu mobilisieren. Wieso dann eigentlich nicht auch für die BDA?

Die Tatsache, dass das Äquivalent von Falschparken schon reicht, dass staatliche Stellen die Herausgabe von Passwörtern und PINs von den jeweiligen Diensteanbietern verlangen können – ohne auch nur das Feigenblatt des Richtervorbehalts – scheint da erstmal geeignet einen ähnlichen Protest heraufzubeschwören.

Diese Betrachtung lässt nur eines völlig außen vor: Es ist den meisten Leuten scheißegal, was mit ihren Daten passiert. Ich wette, dass die Mehrheit der deutschen Bevölkerung bei der Wahl

A) Wollen sie die volle Kontrolle über alle ihre Daten

B) Wollen sie 10 € haben?

sofort Option B) wählen würde. Die meisten sehen einfach nicht, was “ihre Daten” denn schon groß sind und was andere damit anfangen können. Sie brauchen die ja auch nicht. Anders wars bei ACTA und dem Zugangserschwerungsgesetz.
Hier sollte den Bürgern nach ihrer eigenen Wahrnehmung etwas weggenommen werden, bei ACTA am deutlichsten über die Youtube-Schilder mit dem “in deinem Land nicht verfügbar”-Schriftzug. Hier gab es ein klares Bild und eine klare Aufforderung: “Wert Euch, oder Euch wird noch mehr unzugänglich gemacht.”

Auch bei den Internetsperren war die Tatsache, dass hier in einem nächsten Schritt willkürliche Seiten gesperrt werden können (polit. Inhalte, Glücksspiel, Kino.to &Co), der Punkt, der die Leute dazu veranlasst hat zu sagen “wir lassen uns das nicht wegnehmen”.

Doch zurück zu den Bestandsdaten.
(Tolles Wort übrigens. Wir lassen uns immer wieder Neusprech aufzwängen ohne uns groß dagegen zu wehren.)
Was wird den Leuten hier weggenommen? Ihre Daten? Nicht wirklich, diese werden nur mehr Leuten zugänglich gemacht. Ihre Privatsphäre? In vielen Fällen schon. Interessiert das? Ist das ein Verlust bei dem die Leute sagen “mir fehlt hier etwas im Vergleich zu vorher”?

In den meisten Fällen lautet die Antwort schlicht und ergreifend “Nein”. Das macht die Bestandsdatenauskunft nicht weniger schlimm.
Wir alle wissen wie böse eine Vorratsdatenspeicherung ist. Das hier ist es nicht weniger. Auch wenn ich selbst zu jung bin um es noch aktiv erlebt zu haben, reichen mir allein die Erzählungen meiner Eltern, wie damals in der DDR Briefe mitgelesen wurden vom Staat. Häufig sogar geöffnet ankamen. Man musste aufpassen was man wie schreibt, seine wahren Gedanken verstecken, verschleiern und für Beobachter unkenntlich machen. In meinem Standard-Emailpostfach habe ich etwa 9000 Emails. Darunter Zugangsdaten zu wichtigen Diensten, sehr sehr private Unterhaltungen und auch einige “Mail-Entwürfe”, die ich z.B. auf Reisen als eine Art Tagebuch benutze. In Verbindung mit den Zugangsdaten zu Instant-Messengern wie Jabber, ICQ oder WhatsApp gibt es hier um ein Vielfaches mehr an Infos und Privatem als es ein “Westbrief” früher enthielt. Diese Dienste sind Teil meiner Privatsphäre und ein unbefugtes Eindringen ist ein ähnlich intimer Vorgang wie eine Wohnungsdurchsuchung für mich.

Den meisten von uns sind die negativen Folgen von solchen Daten-“Einbrüchen” klar. Nur machen wir das viel zu selten anderen bewusst. Auf die Frage, ob es irgendwo eine Erklärung der Probleme der Bestandsdatenauskunft gibt, die sogar meine Eltern auf Anhieb verstehen, ging ich auf Twitter wiederholt leer aus. Das interessierte kaum jemanden. Es wäre schließlich kein Text für uns. Wir kennen das schon. Wir haben uns unbewusst immer weiter abgeschottet. Dank Twitter, ML und Blogs haben wir das Gefühl mit vielen Leuten vernetzt zu sein, aber die Abkopplung dieses Netzes vom Rest nicht genügend bemerkt. (Ja, die Ironie ist mir bekannt)

Aber ich will hier nicht lamentieren, ich will Vorschläge liefern, wie wir das ändern können.

Ein sehr einfacher aber unglaublich effektiver Schritt ist schon beim Schreiben zu überlegen “Verstehen meine Eltern / meine “unpiratischen” Facebookfreunde das Problem durch diesen Text?”.

Wir brauchen Bilder, mit denen jeder etwas anfangen kann. Die Datenautobahn ist grauenvoll, aber unter dem Bild konnte jeder sich sofort etwas (häufig falsches) vorstellen.

Ähnlich könnte man die BDA vielleicht als eine Art “digitale Hausdurchsuchung” versuchen zu vermitteln, die Vorratsdatenspeicherung als “elektronische Fußfessel”, die in jedes Handy zwangsweise eingebaut wird. Klar sind diese Bilder falsch und ungenügend und verzerren. Aber sie vermitteln einen ungefähren Eindruck des Grundproblems. Die Details und Unterschiede kann man dann in einem weiteren Schritt diskutieren. Wir springen nur häufig diekt hier hin.

Zusätzlich kann man versuchen mit politischen Forderungen solche Parallelen zu stärken.

Die Unverletzlichkeit der Wohnung steht im Grundgesetz. Wieso nicht fordern, dass die Definition der Wohnung auch auf digitale Medien ausgedehnt wird? So dass entweder physiche Medien wie Laptop, Smartphone oder PC darunterfallen oder “Onlinewohnungen” wie Mailaccounts oderSoziale Netzwerke?

Wieso nicht Forderungen wie dem BDA schon im Voraus den Wind aus den Segeln nehmen, indem man Admins ein ähnliches Schweige-/Aussageverweigerungsrecht wie Ärzten, Anwälten oder Priestern einräumt? Mit Admins meine ich hier vor allem Leute, die Lesezugriff auf ihnen unterstellte Accounts oder Zugang zu deren Passwörtern haben.

Natürlich werden die meisten dieser Forderungen von uns so nicht umgesetzt werden können. Vor allem wenn sie auch noch einer Grundgesetzänderung bedürfen. (Zustimmung der CDU? oder auch nur der SPD? Dass ich nicht lache…)

Natürlich führen solche Forderungen dazu, dass man mal wieder als “diese Netz-Spinner” wahrgenommen wird von einigen Leuten.

Aber man könnte mit etwas Glück eine Debatte anstoßen, die die Grenzen der Bürgerrechte im digitalen Raum und des allgemeinen Datenschutzes in die andere Richtung verschiebt.

Wir berufen uns immer wieder auf den Datenschutz oder das Recht auf informelle Selbstbestimmung. Doch den meisten Leuten ist gar nicht wirklich klar, wieso diese für sie wichtig sein sollten. Hier müssen wir schauen, dass wir klarer, einfacher und mit verständlichen Bildern arbeiten. Es reicht nicht zu sagen “es geht um Eure Daten”. Damit überzeugen wir niemanden, der nicht eh schon auf unserer Seite ist.

 

 

 

* Ja, ich weiß, dass das Guy-Fawkes-Masken sind, aber die polnischen Abgeordneten haben die Masken als Anlehnung an die Anons benutzt, nicht um sich auf Guy Fawkes zu beziehen.

Ich dachte mir, dass es vielleicht ganz geschickt wäre meinen Kram nicht ausschliesslich über Mailinglisten und Wikis öffentlich zu machen. Mal schauen ob ich wirklich genug zum Mitteilen habe. Wir werden’s sehen.