Europa

Während derzeit viele über die die Macht der Alten (z.B. hier und hieroder die rechte Ausrichtung der “Rentnerprotestpartei” AfD (siehe hier und dort) diskutieren, möchte ich den Anlass nutzen über Europa zu reden.
Die Jungen Europäischen Föderalisten (JEF) haben diese Woche ein Magazin herausgebracht, in dem sie sich wünschen, dass wir mittelfristig zu einer Art “Vereinigte Staaten von Europa” werden und haben dafür Kommentare von Westerwelle bis @branleb gesammelt.
Dieser Kontrast zwischen jung und alt ist genauso überspitzt wie bezeichnend, wie ich finde. Allerdings werde ich mich dem in einem späteren Artikel noch ausführlich widmen.

Europa.

Unser Kontinent hat sowohl mit friedlichen Mitteln wie mit Gewalt die Welt geprägt, wie kein anderer. Nachdem die Römer erstmalig eine Art europäisches Imperium geschaffen hatten, in dessen Grenzen mit dem Pax Romanum erstmalig lange Perioden des Friedens herrschten, schlugen wir uns jahrhundertelang gegenseitig die Köpfe ein. Irgendwann waren wir darin so gut, dass wir ausgezogen sind, dem Rest der Welt erfolgreich die Rübe blutig zu hauen. Und jetzt? Ich benutzte hier bewusst das “wir”. Denn dieses gibt es heute. Wir haben hier aktuell die längste Friedensperiode seit Ewigkeiten (auch wenn wir außerhalb von Europa natürlich immer wieder mal gewaltätig sind…tja und auf dem Balkan, leider ).
Wir arbeiten zusammen. Wir sind Nachbarn, Freunde, Partner. Selbst die Nazis und andere verblendete Ewiggestrige versuchen das nicht offensichtlich zu leugnen und suchen sich neue Feindbilder in weiter entfernten Ländern und projizieren ihren Hass hauptsächlich auf Muslime und “nicht europäisch Aussehende” um noch ein paar Anhänger für ihre dummen Ideen zu finden.
Die größten Feindseligkeiten gibt es eventuell noch zu Europameisterschaften und dergleichen. Aber auch die übertreffen nicht das, was wir auch innerhalb der deutschen Fußballligen erleben.
Wir, das ist die unbestimmte Gruppe der “Europäer”, mal wollen die Briten nicht dazugehören, mal will jemand die Rumänen nicht dabei haben, aber ich denke der Begriff lässt sich trotzdem verwenden.

 

Mein Europa.

Europa heißt für mich Vielfalt, Abwechslung, Offenheit und Gemeinsamkeit. Ich wurde 1984 in Dresden geboren. Das war damals noch die DDR. Und irgendwie scheine ich die Abneigung gegen geschlossene Grenzen von meinen Eltern geerbt zu haben. Seit wir im Sommer ’89 endlich ausreisen durften, hat meine Familie das wörtlich genommen. Ich habe in Italien und Frankreich durch Familienurlaube mehr Gegenden gesehen als die meisten Einwohner des jeweiligen Landes. Ich war nach dem Abitur ein Jahr in Paris. Während des Studiums (leider nur) ein halbes Jahr in Sevilla. Mein Vater lebt in der Schweiz, seine Freundin in Italien. Mein Cousin zwischenzeitlich in Schottland. Mein bester Freund zieht gerade nach Ungarn. Ich fühle mich in vielen Gegenden “daheim”. Und dass man in verschiedenen Gegenden verschiedene Sprachen spricht, das habe ich als Fünfjähriger bereits gelernt, als ich von Sachsen nach Baden-Württemberg zog. So what? C’est la vie. Und: s Läbe isch koin Schlotzer.
Klar geht das nicht jedem so. Klar hat nicht jeder überhaupt die Chance Europa so kennen zu lernen und zu genießen wie ich. Aber das ist nunmal mein Europa, das Europa das ich kennen und lieben gelernt habe.

 

Grenzen in Europa.

Ich will wie gesagt keine geschlossenen Grenzen. Ich erlebe schon regelmäßig eine Schrecksekunde, wenn ich meinen Vater besuchen fahre und hinter Basel irgendwann merke, dass ich ja gar keinen Perso dabei habe. Dass es eine echte Grenze mit Passkontrollen in meinem unmittelbaren Umfeld gibt, muss ich mir immer wieder erst bewusst machen. Dazu kommt, dass auch hier die Kontrollen auch eher wie Tropfen im Bodensee sind. Das europäische Ausland (der Begriff fühlt sich irgendwie komisch an) ist für die deutsche Wirtschaft der Haupthandelspartner und dessen Bedeutung steigt weiterhin. Es gibt vielfältige Gründe nicht in einen nationalen Protektionismus zu verfallen und ich hoffe es ist kein Irrtum, wenn ich behaupte, dass das auch die meisten von uns (da ist das wir wieder) es nicht wollen. Wir haben die Grenzkontrollen weitestgehend abgeschafft und außer dem ein oder andren Innenminister will sie auch niemand wieder einführen. Hier stellt sich jetzt für mich die Frage ob das schon das Ende der Entwicklung sein soll. Oder werden die Staatsgrenzen bald genauso “wichtig” wie die Grenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg?

 

Geld in Europa.

Zur Zeit wird viel über den Euro spekuliert. Häufig wird er als Projektionsfläche für national(istisch)es Gedankengut oder Frust über allgemeine negative wirtschaftliche Entwicklungen missbraucht. Dies einmal ignorierend hat der Euro immer noch einige konstruktionsbedingte Probleme. Unterschiedliche Wirtschaftsräume entwickeln sich unterschiedlich schnell; Währungsaufwertungen und -abwertungen sind seit jeher ein wichtiger Faktor in der Wirtschaftspolitik der jetzt fehlt und die Stabilitätspolitik der EZB ist vielleicht auch nicht gerade perfekt.
Für mich drängt sich hier der Blick zur anderen Einheitswährung in meinem Leben auf. Der D-Mark. Auch bei ihrer Einführung wurden viele Fehler gemacht und für die wirtschaftliche Entwicklung in Ostdeutschland hätte es bessere Wege gegeben. Trotzdem wünscht sich hier keiner zwei getrennte Währungen zurück. Nunja, keiner ist übertrieben, ein paar Leute im Osten, die auf ihre eigene Nostalgie reingefallen sind und ein paar Wirtschaftswissenschaftler mit wenig sozialem Gespür tun es sogar. Aber im Wesentlichen herrscht hier der Konsens, dass es gut ist in ganz Deutschland die gleiche Währung zu haben und so auch beim Geld zu sehen dass man zusammengehört. Den Preis dafür haben wir auch bereitwillig bezahlt. Und auch wenn der Länderfinanzausgleich ähnliche Probleme hat wie die Entwicklungshilfe in Afrika, so ist dennoch klar: Wir stehen füreinander ein, wir helfen uns. Denn wir gehören zusammen. Wir. Dieses Gefühl ist auf europäischer Ebene bei weitem nicht in diesem Umfang vorhanden.
Das ist auch vollkommen in Ordnung. Denn dass Deutschland aus einer Vielzahl separater Staaten zusammengeschmiedet wurde ist da schon deutlich länger her. Und durch die Sprache sind wir etwa seit der Reformation verbunden. Dagegen sind knapp 70 Jahre Frieden und nichtmal 25 Jahre offene Grenzen bei einer Vielzahl von Sprachen ein Witz. Aber ohne gegenseitige Hilfen und Ausgleiche kommt es bei einer Einheitswährung schnell zu Problemen. In meinen Augen gibt es da nun zwei Lösungen, entweder man sagt “ne, das will ich nicht, jeder für sich selbst” oder man sagt “wir”. Auch wenn meine Antwort klar ist, kann ich auch akzeptieren, dass jemand die andere Option bevorzugt. Aber die Frage müssen wir uns ehrlich stellen. Denn sonst geht es weiter, dass die europäischen Regierungschefs weiter am Status Quo herumdoktern ohne dessen Ursachen anzugehen und die beiden Lösungsansätze weiter in die Zukunft vertagt und dabei deren Kosten immens steigert. Für die fast 60-jährige Angela Merkel in Deutschland und den bald 90-jährigen Napolitano in Italien ist das irgendwann weit nach ihrer Amtszeit. Und damit unerheblich. Für diejenigen unter uns, die noch ein paar Jahrzehnte in Europa leben und vor allem arbeiten wollen ist es jedoch sehr wichtig.
Deshalb lasst uns einander die Frage stellen, ob wir füreinander einstehen wollen. Wenn wir dies bejahen, wird das Wie uns noch einige Jahre beschäftigen und mit Sicherheit entzweien. Deshalb muss zuerst das Ob geklärt werden.

 

Grenzen Europas.

Anfangs sprach ich von geschlossenen Grenzen, habe aber damit stets die Innengrenzen gemeint. Was ist mit den Außengrenzen? Da verhält sich Europa mitunter ziemlich protektionistisch, wenn man sich beispielsweise einmal Agrarsubventionen und Importzölle auf Nahrungsmittel ansieht. Am krassesten wird es im Asylrecht. Regelmäßig sterben Menschen, die versuchen per Boot nach Italien oder Spanien zu kommen. Da diese Länder meist auf den Flüchtlingen “sitzen bleiben” und die dadurch entstehenden Kosten alleine tragen müssen, wird im Rahmen der EU-Agentur “Frontex” immer wieder über Maßnahmen diskutiert Europa vor Einwanderung abzuschotten, die sich hart an der Grenze zu Menschenrechtsverletzungen bewegen und mir die Schamesröte ins Gesicht treiben. Aber ich bin keiner der extremen “No Borders, No Nations”-Vertreter. Staaten sind meiner Meinung nach für die Wirtschaft und die Verwaltung des Zusammenlebens notwendig. Und einen Weltstaat kann ich noch nichtmal am Horizont sehen. (Höhstens wenn Außerirdische landen würden). Ich kann auch akzeptieren, dass einige sich über die Abgrenzung zu anderen (mit)definieren. Aber ich möchte, dass wir uns auch hier gemeinsam die Frage stellen welche Maßnahmen wir zur Durchsetzung dieser Grenzen für angemessen halten und welche nicht.
 
Auch die Frage, wo wir die Grenzen ziehen erhitzt regelmäßig die Gemüter. Meist verbunden mit dem Aufflackern schlummernder fremdenfeindlicher Tendenzen. Als Europas Wiege wird häufig das griechisch-römische “Abendland” bezeichnet. Von CDU und Islamgegnern häufig als “christliches Abendland” bezeichnet. Tatsächlich hat das orthodoxe, katholische und protestantische Christentum Europas Geschichte und Entwicklung stark beeinflusst. Aber ein Beschränken darauf raubt uns den wesentlichsten Beitrag Griechenlands und große Teile der römischen Errungenschaften die auch für sie stets zu Europa gehören. Selbst der Name Europa stammt nicht umsonst aus der griechischen Mythologie. Und angesichts der großen und steigenden Anzahl Nichtchristen in weiten Teilen Europas, wäre eine solche Beschränkung in meinen Augen wenig sinnvoll. Das Oströmische Reich und der Siegeszug der Osmanen sind auch untrennbar mit der Entwicklung Europas verbunden, hätte es sonst doch vermutlich keine Renaissance gegeben, die ein Hinterfragen und Abstandgewinnen zur damaligen christlichen Lehre darstellte. Der wirtschaftliche und technologische Aufschwung Europas wäre vermutlich deutlich schwächer gewesen. Insofern habe ich kein Problem damit, wenn die Grenzen des Staatenbundes Europa die Länder auf dem Kontinent Europa umfasst. Auch mit die Aufnahme von weiteren Ländern des Mittelmeerraums, die seit jeher engstens mit Europa verwoben sind (wie etwa Algerien oder Marokko), könnte ich langfristig betrachtet leben. (Und auch wenn die Skandinavier mit den Römern und den Griechen erstmal weniger zu tun hatten, hab ich noch nie gehört, dass irgendwer sie ausschliessen will.)

 

Probleme Europas.

Alles hat seine Schattenseiten. Es gibt immer Probleme. Neben den Problemen im Bereich der Währung und der Grenzen gibt es noch einige weitere, die teilweise damit eng verwoben sind. Das größte Problem (was aber auch gleichzeitig ein Punkt ist für den ich Europa sehr liebe) ist die Sprachvielfalt. Während Russland, China, die USA und Kanada hauptsächlich ein bis zwei “Hauptsprachen” haben, gibt es in Europa eine Vielzahl von manchmal verwandten und meist sehr unterschiedlichen Sprachen. Dadurch ist es uns auch trotz fast einem Vierteljahrhundert offener Grenzen (immerhin zwischen einigen europäischen Staaten, ich will hier mal nicht kleinlich sein) nicht gelungen eine gemeinsame europäische Öffentlichkeit zu schaffen. Es gelingt uns kaum, dass wir den Diskussionsverlauf von Themen mit europaweiter Tragweite im Nachbarland mitbekommen. Geschweige denn in Ländern, die noch weiter weg sind. Häufig sind wir über Vorgänge in den USA besser informiert als über welche in einem anderen Teil Europas. Hier wird sich zeigen, ob sich im Zuge der Medienkonsolidierung durch das Internetzeitalter verstärkt europäische Medienhäuser herausbilden, die dann auch über Landesgrenzen hinweg arbeiten und so einer gemeinsamen europäischen Öffentlichkeit den Weg bereiten. Oder ob durch die Dominanz von US-Medien sich eine eher Amerika-dominierte “westliche Öffentlichkeit” herausbildet. Der Blick auf die Jugend Europas lässt beides möglich erscheinen. Natürlich kann es auch ganz anders kommen und der Fokus dessen, was die Menschen interessiert wieder stärker auf ihr direktes Umfeld verengt wird. Fakt ist: Im Moment haben wir auf jeden Fall noch im Wesentlichen national agierende und denkende Berichterstattung in Europa. Das zeigt, dass wir (noch) nicht dieses Gefühl einer Gemeinschaft mit gemeinsamen Interessen und Sorgen erreicht haben. Was hiervon Ursache und was Auswirkung ist, überlasse ich gerne den Henne-Ei-Forschern. Projekte wie etwa die PPI/PPEU, der internationale bzw. europäische
Zusammenschluss von Piratenparteien unterschiedlicher Länder, zeigen mir dass es irgendwann möglich sein kann (und gleichzeitig wie unglaublich weit wir noch davon entfernt sind).
Dieses Problem der fehlenden gemeinsamen Öffentlichkeit ist es, was eine (schnellere) Lösung der Euro-Problematik verhindert und es nationalen Stimmungsmachern leicht macht zusätzliche Distanz zwischen Bürgern und “Europa” aufzubauen. In der EU haben deshalb die Regierungen der einzelnen Länder das größte Sagen, während das europäische Parlament, obwohl direkt vom Volk gewählt, eher marginalisiert wird. Der Gedanke hierbei ist vermutlich, dass die Regierungen in ihren jeweiligen Ländern durch Medien und Nationalparlament stärker kontrolliert werden, als dies durch das Europaparlament möglich wäre. In der Praxis führt es jedoch meist dazu, dass Regierungen, die “daheim” mit ihrem Vorschlag gescheitert sind (oder vermutlich scheitern würden) den Umweg über die EU nehmen und dort nach Rücksprache mit den anderen Regierungschefs Vorschriften erlassen, die sie dann “leider gezwungen sind” in ihrem Land umzusetzen. Intransparente Strukturen und geringes öffentliches Interesse verstärken sich hier gegenseitig und stärken paradoxerweise meist die nationalen Regierungen, denen die jeweiligen Bürger dann eher Entscheidungen überlassen wollen als dem europäischen Parlament.

 

Weitere Entwicklung Europas.

Ich glaube, dass wir ohne eine um ein Vielfaches stärkere gegenseitige Anteilnahme und überhaupt ein deutlich gesteigertes Interesse an Vorgängen im Rest Europas, eine Umsetzung der Idee der “Vereinigten Staaten von Europa”, wie sie etwa die JEF propagiert, nicht schaffen. Ich fürchte es verstärkt vor allem eine solche Intransparenz und damit indirekt fremdenfeindliche Tendenzen in den einzelnen Ländern. So sehr ich auch die Idee und ihre Ziele gutheiße. Aber ich bin ja auch als eher zögerlich und konservativ verschrien. Vielleicht könnte ein schnellerer Weg auch ein zügigeres Angehen der Probleme bewirken. Ich würde es mir wünschen.
Für mich. Für Europa. Für uns.
 
 
 
 
 
 
 
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2 comments
  1. Schöner Artikel. Sehe vieles ähnlich wie du.

    • Sorry, den hab ich übersehen. Aber freut mich zu hören 🙂

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